Antifascist Youth Dülmen


Von Konrad Lorenz und Vergangenheitsbewältigung im postnazistischen Deutschland
Juni 13, 2009, 10:37
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Wie bereits in der kurzen Mitteilung zur Verhinderung der Lorenz-Skulptur angekündigt, folgt nun noch ein ausführlicherer Text, der sich hauptsächlich mit der auf die Verhinderung folgenden Debatte in der Dülmener Zeitung beschäftigt. Die betreffenden Artikel sind in den Fußnoten verlinkt und die Begründung unserer Kritik an der Skulptur findet sich in unserem Brief, der ebenfalls auf dem Blog dokumentiert ist.

Wir wollen nun aber eben nicht dabei stehen bleiben nur den Plan der Skulptur und die darauf folgende Debatte zu kritisieren, sondern mit diesem Text einen Ausblick darauf bieten, inwiefern die Dülmener Situation beispielhaft für Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur in Deutschland ist.

We stopped it!

Auf unsere Briefe, die über Vergangenheit und Ideologie von Konrad Lorenz aufklärten und die Verhinderung der Skulptur „Gegen den Wind“, die sich positiv auf Lorenz beziehen sollte, forderten, bekamen wir zwar keine direkten Reaktionen, unsere Aktion war aber dennoch erfolgreich: Klaus Jahn, der die Skulptur entworfen hatte, zog seinen Wettbewerbsbeitrag nach unserem Hinweis zurück und es wird nun nach einer anderen Skulptur für den Kreisverkehr in Buldern gesucht.

Doch trotz dieses offenkundigen Erfolges offenbaren die auf unseren Hinweis folgenden Artikel in der Dülmener Zeitung, wie Vergangenheitsbewältigung im postnazistischen Deutschland aussieht. Beim Lesen der beiden DZ-Artikel vom 23. und 28. Mai fällt dem kritischen Menschen doch schon einiges ins Auge, an dem sich aufzeigen lässt, was unter postnazistischer Gesellschaft und ihrer Erinnerungskultur zu verstehen ist.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung und Schuldabwehr im Mantel der geschichtlichen Aufklärung

Vermeintlich kritische und aufklärerische Formulierungen wie „Hitlerdiktatur“1 offenbaren von welch falschem Bewusstsein der Umgang mit der deutschen Vergangenheit immernoch geprägt ist. Erweckt doch der Begriff „Hitlerdiktatur“ den Eindruck, das wehrlose deutsche Volk sei von einem überaus charismatischen und gerissenen Diktator verführt und quasi als Geisel gehalten worden. Dass dies schlicht unzutreffend ist und nur dazu führt, die Schuld der Deutschen an Shoa und Vernichtungskrieg zu minimieren oder gar ganz wegzulügen, ist eindeutig. Es fällt unter dieselbe Kategorie wie die Phrase, Hitler habe 6 Millionen Juden getötet. Auch hier wird verschleiert, dass es der oder die normale Deutsche waren, die – ob als KZ-WächterIn oder als bloßeR ProfiteurIn der Enteignungen – am millionenfachen Massenmord beteiligt waren. Eine solche Dämonisierung Hitlers, der hier sicher nicht verteidigt werden soll, und eine Konzentration alles in der NS-Zeit geschehenen Bösen auf seine Person, sind nichts anderes als eine Flucht vor dem Eingeständnis eigener Schuld und eine Abwälzung dieser auf Hitler und seine „Helfer“, die von Guido Knopp so postnazistisch und bundesrepublikanisch auf eine kleine Riege von Vertrauten reduziert wurde. Die KZ-Wächterin und der SS-Mann von nebenan kommen bei der Aufzählung von „Hitlers Helfern“ durch den bundesrepublikanischen Nationalhistoriker natürlich nicht vor.

Das postnazistische Deutschland

Allgemein lassen sich in den Reaktionen auf unsere Briefe zwei Reaktionsmuster erkennen. Auf der einen Seite ist mensch bemüht mit allen Mitteln zu vermeiden, dass die eigene Person in die ideologische Nähe des Nationalsozialismus gerückt werden könnte, hierfür werden sogar vollkommen nichtssagende Stationen im Lebenslauf, wie die Anstellung an der „Martin Luther-King-Gesamtschule“ herangezogen2. Auf der anderen Seite aber wird eben an genau die oben kritisierte, falsche Vergangenheitsbewältigung angeknüpft und die deutsche Schuld so indirekt kleingeredet. Dies bezweckt nichts anderes, als das Weiterleben nationalsozialistischer Tendenzen in der demokratischen Gesellschaft. Indem eben diese Tendenzen weiterhin kleingeredet werden, unterstützt derjenige, der sich soeben noch krass vom Nationalsozialismus distanzieren wollte, das Weiterleben desselben in der Demokratie. Er sorgt also für genau das, was als Postnazismus zu bezeichnen ist.

So auch im Zusammenhang mit der Vergangenheit Konrad Lorenz’. In einem eigenständigen Artikel unter dem Titel „Kein schlüssiges Bild von ihm“ (ebenfalls vom 28. Mai) wird die Max-Planck-Gesellschaft herangezogen. Diese äußert auf DZ-Nachfrage, Lorenz’ Verwicklungen in den Nationalsozialismus seien „nicht so weitreichend, dass sie seine wissenschaftliche Arbeit in Misskredit bringen könnten“. Eine Frechheit vor allem unter dem Hinblick darauf, dass Lorenz’ wissenschaftliche Arbeit durch die NS-Ideologie und durch rassistisches Gedankengut tief geprägt sind, wie es im Übrigen im darüber stehenden DZ-Artikel auch erwähnt wird.

Beim kritischen Lesen des zitierten Artikels wird dann aber auch nochmals deutlich, was Postnazismus eigentlich heißt. Dieser Begriff – gebraucht in Abgrenzung zum Postfaschismus, vor dem Hintergrund, dass es sich beim deutschen Nationalsozialismus eben um eine besondere Prägung des Faschismus handelte – bezeichnet nämlich zum Teil auch die personelle Kontinuität der alten NS-Eliten bis weit in die bundesrepublikanische Zeit hinein. Zum einen die Tatsache, dass es sich bei der Max-Planck-Gesellschaft um die Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft handelte, zum anderen der Punkt, dass Lorenz von seinem neuen Arbeitgeber nach der Befreiung durch die Alliierten wohl nie auf seine Nazi-Vergangenheit überprüft wurde, verdeutlichen in anschaulicher Weise, dass es die so oft herbeiillusionierte Stunde Null eben nicht gab. Stattdessen war es für alte NS-Eliten, die teilweise auch direkt an Massenmord oder Vernichtungskrieg beteiligt waren, weiterhin möglich in hohen Kreisen der Bundesrepublik Fuß zu fassen – sei es nun in Politik, Wirtschaft oder eben in der Wissenschaft.3

Deutschland feiert sich selber

Die Person Konrad Lorenz und die Debatte, die derzeit in Dülmen um sie geführt wird, eignen sich also in besonderem Maße um die Erinnerungskultur und die personelle Kontinuität des postnazistischen Deutschlands aufzuzeigen. Bemerkenswert ist diese immernoch so zelebrierte Kultur vor allem vor dem Hintergrund der derzeitigen Jubiläumsfeiern.

Die Bundesrepublik feiert sich selber, und sogar die Bildzeitung feiert mit – mit Volkszahnbürste und Volks-T-Shirt. Der Volksempfänger, der die „Verführungen“ der „Hitlerdiktatur“ an die angeblich so unwissend verführten Deutschen brachte, scheint vergessen.

In genau diese Stimmung hinein kommt nun die Idee einer Lorenz-Skulptur, für die offenbar weder nachgedacht, noch recherchiert worden ist. Genauso, wie die Deutschen, die nun dem Bild-Ruf nacheilen und sich nach dem volksgemeinschaftlichen Fußballgucken im Jahr 2006 nun in 2009 im volksgemeinschaftlichen Einkauf üben die Bedeutung des Volksempfängers vergessen zu haben scheinen, vergessen die Initiatoren der Skulptur (zu denen pikanterweise auch die Kuratorin des Eichengrün-Platzes gehört), sich erstmal über den Mensch zu informieren, den sie ehren wollen. Ja die Skulptur war laut Aussage Jahns sogar als Zeichen gegen Opportunismus gedacht4 – eine Farce vor dem Hintergrund von Lorenz Beteiligung an der NS-Rassenpolitik. Dies ist mehr als bezeichnend: Vergangenheitsbewältigung im postnazistischen Deutschland, geht immer nur soweit, wie sie auch nützlich ist. Sei es für die Präsentation eigener vermeintlich herausragender Moralität oder zur Rechtfertigung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr, die mittlerweile nicht mehr trotz, sondern wegen Auschwitz durchgeführt werden. Und wenn es darum geht eine berühmte Persönlichkeit zu ehren, die sich in Buldern aufhielt, so scheint das dorfgemeinschaftliche Interesse höher zu wiegen, als der Gedanke daran, die zu ehrende Person vor dem Hintergrund der Deutschen Vergangenheit erst einmal kritisch zu hinterfragen.

1Vgl. DZ-Artikel Kreisel: Keine Graugänse, vom 23.Mai 2009 http://www.dzonline.de/lokales/kreis_coesfeld/duelmen/1062690_Kreisel_Doch_keine_Graugaense.html

2Vgl. DZ-Artikel „Kompromiss nicht möglich“ vom 28. Mai 2009, http://www.dzonline.de/lokales/kreis_coesfeld/duelmen/1065323_Konrad_Lorenz_und_Buldern_Kompromiss_nicht_moeglich.html

3Wie erwähnt ist die personelle Kontinuität der alten Eliten nur ein Aspekt des Begriffs Postnazismus, eine ausführlichere Erläuterung hierzu findet sich in dem Video „Um das Ganze“ von Stephan Grigat unter http://www.cafecritique.priv.at/Filme.html

4Vgl. DZ-Artikel „Kreise: Keine Graugänse“ vom 23.Mai 2009


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